SV VESTIA DISTELN 1912/27

Postfach 2032 - 45678 Herten - TEL: 02366-35850

SZ: 20 Millionen Euro jährlich für: nichts?

Süddeutsche Zeitung Nr.202, Samstag/Sonntag, 2./3.September2017

20 Millionen Euro jährlich für: nichts?

Der DFB zahlt der Liga viel Geld. Aber es ist fraglich, ob die genannten Gegenleistungen das rechtfertigen

von Johannes Aumüller und Thomas Kistner    

Frankfurt - Einen Kicker von gehobener Qualität kennt die Fußballwelt in zwei Er­scheinungsformen. Zunächst gibt es ihn als Vereinsprofi, in seinem Broterwerb. Dazu aber auch in einer ideell und kom­merziell höherrangigen Funktion - als Nationalspieler. Wie in diesen Tagen, wäh­rend der Qualifikation für die WM 2018. Ein Spieler, zwei Tätigkeiten, zwei Er­werbsfelder - so ist das seit Jahrzehnten. Doch jetzt könnte ein Aspekt dieser Kon­stellation dem Deutschen Fußball-Bund viel Ärger bereiten. Wieder mal lautet die Frage: Verschenkt der DFB Geld an den Profibetrieb, das eher dem Amateur- und Basissport zugutekommen müsste?

Das Problem führt tief hinein ins kom­plizierte Paragrafendickicht, das den Volkssport Fußball hierzulande umgibt. Im Kern geht um den Grundlagenvertrag, den der DFB und die Deutsche Fußball- Liga (DFL) als Zusammenschluss der 36 Profiklubs besiegelt haben. Dieser regelt unter anderem zwei zentrale Finanzströ­me zwischen den Institutionen: Die Liga überweist dem DFB drei Prozent ihrer Er­löse aus Medienrechten und Eintrittskar­tenverkauf; als Pachtzins, um die Bundes­liga eigenständig organisieren und ver­markten zu dürfen. Und der DFB zahlt der Liga zwischen 15 und 30 Prozent aus den Einnahmen der Nationalmannschaft.

Schon im Frühjahr gab es um den Ver­trag Aufregung. Damals zeigte sich, dass die Beträge diskret durch eine Zusatzver­einbarung gedeckelt sind, die den DFB- Delegierten nie offengelegt worden war. So zahlt die Liga dem DFB jährlich nur 26 Millionen Euro - ganz gleich, wie hoch ih­re bekanntlich enorm änschwellenden TV- Erlöse weiter wachsen mögen. Und der Verband überweist der Liga per annum 20 Millionen Euro. Durch die Deckelungen entgehen dem DFB über die Jahre hochge­rechnet etwa 100 Millionen Euro.

SZ-Recherchen werfen nun die nächste heikle Frage auf: Wofür zahlt der DFB der Liga überhaupt jedes Jahr 20 Millionen?

Laut Paragraf fünf des Grundlagenver­trags beruht diese Zahlung auf zwei „Leis­tungen“ der DFL. Erstens: dass die DFL und damit die Vereine die Abstellungs­pflicht für die Nationalmannschaft aner­kennen und erfüllen. Zweitens: dass die DFL sicherstellt, dasjs.; die nominierten Spieler „die Verwertung ihrer Persönlich­keitsrechte und andere Rechte als Natio­nalspieler dem DFB-übertragen“ - so der Vertragstext. Nach der Aufregung im Früh­jahr hatte der DFB gar erklärt: „Erst der Grundlagenvertrag ermöglicht dem DFB den Betrieb und die werbliche Nutzung sei­ner Nationalmannschaften.“

Der DFB sagt, nur so könne er mit Nationalspielern werben

Nicht wenige Juristen halten diese Ar­gumentation für Nonsens. Schon ein kur­zer Blick in die Reglements entlarvt dem­nach die erste genannte „Leistung“ als sport- und verbandsrechtliche Selbstver­ständlichkeit. Die Klubs müssen die Spie­ler für die Nationalelf abstellen, Punkt. So steht es im Reglement des Weltverbandes Fifa, so steht es auch in den DFB-Regulari- en. Das sind Bestimmungen, denen sich wiederum die DFL als ordentliches Mit­glied des DFB unterworfen hat.

Und die zweite „Leistung“ - die Sicher­stellung, dass der DFB die Persönlichkeits- rechte der Spieler nutzen kann? Schon die Liga-Statuten werfen aus juristischer Sicht die Frage auf, wie die DFL eine Über­tragung der Persönlichkeitsrechte eigent­lich sicherstellen will. Im Musterarbeits­vertrag, den Klubs und Profis unterzeich­nen sollen, heißt es, der Kicker übertrage dem Verein seine Persönlichkeitsrechte - für seine Funktion „als Spieler des Klubs“. Nicht aber für eine Funktion „als Spieler der Nationalmannschaft“.

Der Bundesfinanzhof hatte 2012 in an­derem Kontext festgestellt, dass der gel­tende Mustervertrag zwar die arbeits­rechtliche Pflicht zur Teilnahme an Spie­len der Nationalelf umfasse, aber „nicht die Teilnahme an Werbeleistungen“. Ge­mäß Urteilsschrift trug der DFB im dama­ligen Verfahren selbst vor, dass er die Nati­onalspieler vor dem Einsatz „eine Erklä­rung unterschreiben lasse“, nach der die Profis dem DFB die Nutzung ihrer Persön­lichkeitsrechte im Zusammenhang mit der Nationalmannschaft gestatten. Die Ab­gabe dieser Erklärung sei freiwillig; ein Spieler, der sie nicht unterzeichne, würde vom DFB aber nicht eingesetzt werden.

Vereinbarte „Leitlinien“ halten Verband und Liga geheim

„Das Thema der Verwertung der Per­sönlichkeitsrechte kann und muss der DFB höchstselbst mit seinen National- mannschaftsspielem regeln, dazu benö­tigt er die DFL ganz sicher nicht“, sagt der Sportrechtler Rainer Cherkeh (Hannover). Sein Fazit: „Der in Paragraf fünf des Grundlagenvertrags als Leistungen der DFL bezeichnet« Sachverhalt ergibt kei­nen Sinn und ist überflüssig. Der DFB hat sich faktisch ohne echte Gegenleistung zu einer erheblichen jährlichen Zahlung an die DFL verpflichtet.“

Wer dieser Argumentation folgt, kann es auch so ausdrücken: Der DFB zahlt der DFL jährlich 20 Millionen Euro für: nichts.

Die SZ legte DFB wie DFL diese juristi­sche Position dar. Juristische Gegenargu­mente gab es dazu nicht, dafür sinn- und in Teilen sogar wortgleiche Antworten:

  • Ein DFL-Sprecher teilte mit: „Der Grundlagenvertrag in seiner Gesamtheit verbindet auf angemessene Weise die In­teressen des DFL e. V. inklusive seiner Na­tionalspieler abstellenden Klubs mit den Interessen des DFB. Mit Blick auf die von Ihnen beschriebene Argumentation hat die Deutsche Fußball Liga eine andere Auf­fassung.“
  • Der DFB erklärte: „Der Grundla­genvertrag sichert die Einheit des Fuß­balls und stellt die wirtschaftliche Grund­lage dafür dar, dass der DFB seinen vielfäl­tigen gemeinnützigen Aufgaben nach- kommen kann, zuvorderst der Unterstüt­zung des Fußballs an der Basis. Mit Blick auf die in Ihren Anfragen beschriebenen Argumentationen hat der Deutsche Fußball-Bund eine andere Auffassung.“

Alles Ansichtssache? Jedenfalls wirft die Haltung des Verbands viele Anschluss­fragen auf. Etwa die, wie der DFB mit Spie­lern verfährt, die nicht in Deutschland, sondern etwa bei einem englischen Klub unter Vertrag stehen. Der Argumentation des DFB folgend, bräuchte es zur Nutzung von deren Persönlichkeitsrechten ja eine Absprache mit der jeweiligen Liga - und ei­ne Zahlung an diese. Auf eine Frage dazu antwortet der DFB nicht konkret.

Dabei geht es abseits aller juristischen Debatten auch noch lim etwas anderes: um Transparenz. Wie schon bei der dis­kret auf 26 Millionen Euro gedeckelten Zahlung der Liga gibt es im Grundlagen­vertrag auch bezüglich der Übertragung der Persönlichkeitsrechte eine bisher nicht publizierte Nebenabrede. „DFB und DFL werden hierzu Leitlinien vereinba­ren“, heißt es: „Im Rahmen dieser Marke­tingrichtlinien werden zusätzliche Verein­barungen getroffen, die die berechtigten wirtschaftlichen Interessen der Mitglie­der des DFL e.V. berücksichtigen.“

Doch wie genau sehen diese Leitlinien aus? Auf die Bitte, sie übersandt zu bekom­men, reagierten weder, DFB noch DFL. Dabei hatte der Verband im Kontext sei­ner Sommermärchen-Affäre wie auch in der Frühjahrsdebatte um den Grundlagen­vertrag noch eine große, neue Transpa­renz versprochen.


© SV Vestia Disteln 1912/27 2017. All Rights Reserved.