SV VESTIA DISTELN 1912/27

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Antwortschreiben an Herrn Korfmacher

Betr.: Ihr Schreiben vom 11.01.2017, Vertretung des Amateurfußballs


Sehr geehrter Herr Korfmacher,


vielen Dank für Ihr Schreiben vom 11.01.2017, das ich auch gerne an meine ehrenamtlich tätigen Vorstandskollegen weitergeleitet habe. Da wir uns auch gegenüber unseren Mitgliedern verpflichtet sehen eine transparente Vereinspolitik zu betreiben, werde wir Ihr Antwortschreiben auch gerne unseren Mitgliedern zukommen lassen.

Wir sind uns sicher, dass wir alle das Ziel verfolgen, den Amateurfußball in Deutschland zu stärken. Soziales Engagement, Integrationsarbeit und qualifizierte sportliche Ausbildung sind nur einige Aufgaben die in den Vereinen getätigt werden. Die jeweiligen Landesverbände und deren Delegierte sind diejenigen, die das Interesse der über 25.000 Amateurvereine unter anderem beim DFB-Bundestag vertreten sollen und Ihnen eine Stimme geben sollen. Dieses ist aber nur möglich, wenn auch die Meinung der Basis gehört wird, wenn die anstehenden Entscheidungen der Basis transparent mit allen Vor- und Nachteilen darstellt werden und die Basis gefragt wird. Wie findet dieses statt? Wie wollen Sie im Sinne der Basis abstimmen, wenn Sie diese in der Entscheidungsfindung gar nicht eingebunden haben? Warum werden uns nicht bei so grundlegenden und für den deutschen Fußball wichtigen Entscheidungen wie z.B. in Sachen Grundlagenvertrag, DFB-Akademie, Spielzeiten…… die Vor- und Nachteile dargestellt und wir nach unserer Meinung gefragt? Warum wird das große Potential der vielen ehrenamtlich Tätigen nicht genutzt um Probleme und Missstände offen zu diskutiert, um gemeinsam Lösungsmöglichkeiten zu erarbeiten und um gemeinsam neue Wege zum Wohle und zur Zukunftsfähigkeit des deutschen Fußballs zu gehen?

Zu Ihrem Brief habe wir folgende Anmerkungen:

DFB-Akademie
Sie schreiben, dass der Amateurfußball von den Projekten des DFB mit Sicherheit profitiert und Sie davon überzeugt sind, dass jede Investition gewissenhaft geprüft wird.

Ihrer Antwort entnehmen wir, dass Sie selbst die Investition nicht geprüft haben. Um einen Überblick über dieses Investitionsvorhaben zu bekommen die ein Volumen hat, welches die jährlichen Unterstützungsleistungen der über 25.000 Amateurvereine um das 4- 5 fache überschreitet, bitten wir um Klärung der nachfolgenden Fragen. Diese Fakten sind bestimmt auch für die Delegierten wichtig um eine Entscheidungsfindung auch im Sinne der Amateurvereine treffen zu können:

- Welche Baumaßnahmen sind vorgesehen?
- Welche Investitionen sind für die einzelnen Baumaßnahmen vorgesehen?
- Welche Funktionen sollen die einzelnen Baumaßnahmen haben?
- Wer ist Nutzer der geplanten Gebäude?
- Welchen konkreten Nutzen haben die Amateurvereine von den Investitionen?
- Welchen konkreten Nutzen haben die Amateurvereine z.B. im Kreis Recklinghausen von der DFB-Akademie?
- Welche Vor- und Nachteile hat die geplante Baumaßnahme für den Amateur- und Profifußball?
- Welche Folgekosten für z. B. Unterhalt und Gehälter neu einzustellender Mitarbeiter sind jährlich zu erwarten?
- Wie viel und welche zusätzlichen Arbeitsplätze entstehen?
- Wie viele Arbeitsplätze betreffen die Belange der Amateurvereine?

Diese Informationen sind bestimmt für alle Amateurvereine wichtig um die Baumaßnahme im Allgemeinen und den Nutzen für die Amateure richtig einschätzen zu können. Die Basis sollte dann entscheiden und die Delegierten die Meinung der Basis auf dem DFB-Bundestag vertreten.


Solidargemeinschaft / Grundlagenvertrag mit der DFL

Sie schreiben, dass eine Solidargemeinschaft nur funktionieren kann, wenn ein Nehmen und Geben gewährleistet ist. Auch wir sind der Überzeugung, dass wir diese Solidargemeinschaft leben sollten. Es kann aber dann nicht im Sinne eines Solidarprinzips sein, wenn z. B. im Grundlagenvertrag festgeschrieben wird, dass die weltweiten vermarktungsrechte, die in 2016 einen Marktwert von ca. 1,5 Mrd. € hatten, nur zu 3% jährlich an den DFB abgeführt werden und 97% bei der DLV als Vertreter der 36 Profivereine verbleiben. Unter einem Solidarprinzip verstehen wir da etwas anderes. Warum wird die Seele des Fußballs nicht in die Entscheidungen über den Grundlagenvertrag eingebunden? Warum wird bei so wichtigen Abstimmungen die Basis nicht rechtzeitig über die Vor- und Nachteile des Grundlagenvertrages informiert? Wie findet die Entscheidungsfindung über so wichtige Themen statt? Für uns besteht in dieser Angelegenheit keine Transparenz und somit eine verlorene Chance der Einbindung der Basis. Auch hier bitten wir um weitergehende Informationen um auch unseren Mitglieder die Vor- und Nachteile des Grundlagenvertrages erläutern zu können. Die Amateurvereine nicht in die Entscheidungen des Grundlagenvertrages mit einzubinden und dann zu argumentieren es kann aufgrund des Grundlagenvertrages nichts geändert werden käme einer Entmündigung gleich. Die von Ihnen angesprochene Einheit des Fußballs, das solidarische Miteinander von Profi- und Amateurfußball kann doch nur gelebt werden, wenn wir uns auf Augenhöhe befinden. Informationen und auch Mittelverwendung müssen offen und transparent dargestellt und diskutiert werden können. Nur wenn wir offen, transparent und vertrauensvoll miteinander umgehen können wir auch gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft meistern. Uns stellt sich die Frage, ob diese „Solidaritätsgemeinschaft“ nicht schon lange nur eine Worthülse ist und sich Profi- und Amateurbereich schon lange weit voneinander entfernt haben. Der Rekordumsatz der 18 Bundesligavereine in 2016 von 3.240.000.000€ ist unter anderem auf dem Rücken der Amateure zustande gekommen, die unter der Verteilung der Spielzeiten auf das ganz Wochenende zur besseren Vermarktung der Profis erheblich leiden.


Unsere Amateure. Echte Profis / Masterplan

Die Kampagnen „Unsere Amateure. Echte Profis“ und die Aktivitäten zum Masterplan sollen ein klares Statement für die Amateurvereine und für das Ehrenamt aufzeigen. Allein die Existenz dieser Kampagnen zeigt uns, dass z. B. die Problemstellung der Schwierigkeit der Gewinnung von
Ehrenämtler und auch die großen finanziellen Probleme der Amateurvereine bekannt sind. Diese Kampagnen sind gewiss ein erster Schritt in die richtige Richtung. Wie sieht es jedoch mit der Effektivität der Maßnahmen aus? Haben sich die Probleme in den Vereinen dadurch verändert? Werden diese Kampagnen in den einzelnen Vereinen, bei den Mitgliedern, in der Gesellschaft wahr genommen? Gibt es vielleicht andere Maßnahmen, die effektiver sind und die angegangen werden müssen? Lassen Sie uns bitte die Probleme offen ansprechen, Lösungsmöglichkeiten erarbeiten und dann versuchen diese gemeinsam umzusetzen. Nur mit Kampagnen, schönen Plakaten die an der Realität vorbei gehen und Gesprächen im Rahmen des Masterplanes, die keine Auswirkungen haben und keine konkreten Maßnahmen nach sich ziehen ist dem Amateurfußball nicht geholfen. Dieses können wir aus eigener Erfahrung berichten, da auch wir ein „nettes“ Gespräch im Rahmen des Masterplanes hatten. Das war es dann auch. Ein nettes Gespräch.


Vertretung der Amateurvereine / Unterstützungsleistungen

Sie schreiben, dass beim DFB-Bundestag auch die Delegierten aus unserem Landesverband abstimmen und so der gesamte Amateurfußball sich in den Beschlüssen wieder findet. Hier müssen wir die Frage stellen, auf welcher Grundlage die Delegierten abstimmen. Wie werden die Stimmen der Mitgliedsvereine und somit der Mitglieder gehört? Uns sind die Prozesse nicht bekannt. Werden im Vorfeld von Abstimmungen und Meinungsfindungsprozessen die Mitglieder mit allen Fakten versorgt? Werden die Vereine einbezogen und gefragt? Die Adressen sind ja bekannt, da fast wöchentlich Rechnungen versandt werden. Dieser Verteiler kann ja auch mal genutzt werden um die Vereine zu befragen und so eine umfassende, demokratischen und basisorientierten Meinungsfindung zu erlagen. Ein starker Verband zeichnet sich dadurch aus, dass auch kontroverse Diskussionen offen und transparent durchgeführt werden können. Hierbei sollte das Potential der vielen ehrenamtlich Tätigen in den Amateurvereinen mit eingezogen werden. Wir sollten diese Potential nutzen um Probleme offen anzusprechen und gemeinsam Lösungen zu suchen. Ohne Tabu.

Eine finanzielle Unterstützung einzelner Vereine, etwa zur Aufrechterhaltung des Spielbetriebes oder gar als Ausgleich für rückläufige Zuschauerzahlen ist zwar aus rechtlichen Gründen nicht möglich. Aber eine umfassende Diskussion der Gründe des Zuschauerrückgangs und Maßnahmen, diesen entgegen zu wirken muss dringend geführt werden. Zudem stellt sich uns die Frage, wie konkret die Unterstützung des DFB für die Landes- und Regionalverbände aussieht und welchen konkreten Nutzen jeder einzelne Amateurverein dadurch hat. Eine sachliche Darstellung der Fakten und auch der Finanzmittel würde zu einem besseren Verständnis beitragen. Uns fehlt in dieser Hinsicht leider jegliche Transparenz.

Sie berichten, dass auf dem DFB-Bundestag in Erfurt im November 2016 beschlossen wurde, die direkte finanzielle Förderung der Landesverbände von bisher 5 auf zukünftig 8 Millionen Euro jährlich zu erhöhen (in Relation zu den Umsätzen von DFL Bundesligavereinen, zu Spielergehältern und Ablösesummen ein Betrag in homöopathischer Größenordnung) . Somit würden sich die Unterstützungsleistungen für die über 25.000 Amateurvereine auf rund 30 Millionen Euro summiert. 30 Millionen Euro für den Amateurfußball. Diese Summe sollte immer vor den Hintergrund des Umsatzes von ca. 1,5 Milliarden Euro bei der DFL (Tendenz steigend), einem Ertrag des DFB von 228 Mio. Euro (Geschäftsjahr 2015) und des Rekordumsatzes der 18 Bundesligavereine von 3,24 Mrd. € (+ 24%), der explodierenden Ablösesummen und der immer weiter steigenden Spielergehälter gesehen werden. Wenn wir die Aufwendungen der Amateurvereine betrachten, erhalten wir eine andere Sicht der Dinge. Der SV Vestia Disteln als kleiner Ortsteilverein aus Herten hat jährlich diverse Abgaben, die an den Kreis- bzw. Landesverband zu errichten sind. Dabei sind auch einige Abgaben, deren Sinnhaftigkeit diskussionswürdig ist. Diese Ausgaben summieren sich auf jährlich ca. 4 T€ (Verbandsabgaben, Medienpauschale, Pauschalen für die Genehmigung von Trikotwerbung, Abgabe
von Eintrittsgeldern, Beträge für die Genehmigung von Turnieren, Strafgelder, Abgabe wegen nicht erreichen des Schiedsrichtersolls, Abgaben für die Ausstellung von Pässen, Abgaben bei Vereinswechsel oder Zustimmungen zu Vereinswechsel usw.) Es wird sicherlich Vereine geben die weniger bezahlen aber auch sehr viele, die höhere jährlich Abgaben leisten. Nehmen wir die 4 T€ als Durchschnitt so leisten die ca. 25.000 Amateurvereine Abgaben in Höhe von 100 Millionen Euro. Leider haben wir keine Informationen zu den konkreten Zahlen und den Zahlungsflüssen. Wie viel Geld fließt tatsächlich von den Amateurvereinen zu den Verbänden und wie werden diese Mittel verwand? Wir hoffen, Sie können diese Fragestellung klären und uns die entsprechenden Zahlen zukommen lassen. Erst wenn diese Transparenz geschaffen ist kann zielgerichtet über die weiteren notwendigen Maßnahmen zur Sicherstellung des deutschen Fußballs diskutiert werden.

Studie zur Anpassung der Mitgliedsbeiträge

Vielen Dank für den Hinweis zur Studie zur Anpassung der Mitgliedsbeiträge. Der SV Vestia Disteln kann, wie auch alle anderen Amateurvereine, nur bestehen wenn wir in einem großen Maße wirtschaftliche Aspekte berücksichtigen. Unsere Beiträge liegen jetzt schon in einem Bereich der wesentlich höher ist als der in der Studie angegebene Durchschnittsbeitrag. Jedoch sehen wir auch die negativen Seiten einer Beitragserhöhung. Bei der letzten Beitragserhöhung in 2015 hatten wir leider auch einige Austritt zu verzeichnen, so dass diese Beitragserhöhung fast finanziell ein Nullsummenspiel war mit dem Effekt, dass wir Mitglieder verloren haben, die uns als Zuschauer und Gäste fehlen. Dieses hat uns sehr deutlich die Grenzen einer Beitragserhöhung aufgezeigt. Um Ihnen einen Überblick über die finanzielle Situation des Vereinsgeben zu können, die wahrscheinlich auch exemplarisch für viele weitere Vereine im Amateurbereich ist, sende ich Ihnen mit dieser E-Mail den Entwurf eines Artikels, den wir in den nächsten Wochen in unserer Vereinszeitung veröffentlichen werden.

Sehr geehrter Herr Korfmacher, bitte verstehen Sie dieses Schreiben nicht als ein Beschwerdeschreiben sondern als Aufruf und Angebot für eine konstruktive Zusammenarbeit zum Wohle der Amateurvereine in Deutschland. Wir können die Zukunft der Amateurvereine nur zusammen bestalten, wenn wir Daten, Fakten, Finanzflüsse und Themenschwerpunkte für alle Amateurvereine und Mitglieder offen darlegen, tabu los diskutieren und konkrete Maßnahmen beschließen, begründen und kommunizieren. Alle Amateurvereine müssen die Möglichkeit haben, sich einbringen zu können. Hierbei muss auch offen über die Grundlagen der Solidargemeinschaft mit dem 36 Profivereinen diskutiert werden.

Wir wünschen Ihnen und Ihren Verbandskollegen einen guten Start in 2017 und würden uns über eine Rückmeldung und die Beantwortung der Fragen sehr freuen.

Mit sportlichen Grüßen
Peter Postus
2. Vorsitzender SV Vestia Disteln


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